Erika Lusts Beitrag zum Brustkrebsmonat

Die Filmemacherin Erika Lust gilt als die unbestrittene Pionierin auf dem Gebiet von erotischen Filmen, Sex Positivity und Feminismus. Sie hat die Erotikfilmbranche nicht nur geprägt sondern auch nachhaltig verändert und ist vielen Frauen, die ihrem Weg seitdem gefolgt sind, ein großes Vorbild.

Heute am 1. Oktober 2021 beginnt der Brustkrebsmonat, der Monat, in dem wir von vielen Seiten auf die große Bedeutung von Vorsorge (und auch Nachsorge!) – und Selbstuntersuchungen aufmerksam gemacht werden.

Und wieder hat Erika Lust einen mutigen Schritt gewagt und mit dem von ihr produzierten Film “Wash Me” auf ein besonderes Thema aufmerksam gemacht – die (Wieder-)Entdeckung der Lust nach einem schweren operativen Eingriff und nach Chemotherapie. Es ist der erste Erotikfilm überhaupt, der die Themen Brustkrebs und Chemotherapie aufgreift und verdient am heutigen Tag besondere Beachtung.

Regie hat Rebecca Stewart geführt, eine In-House Regisseurin von Erika Lust Films und selbst Brustkrebspatientin. Sie möchte mit ihrem Film den vielen Frauen Mut machen, die über ihre Behandlungen vielleicht ähnlich wie sie einen Verlust der Libido verspürt haben, die sich in jeder Hinsicht erst wieder ins Leben zurückfinden müssen und sich auf diesem Weg vieleicht manches Mal sehr einsam fühlen.

Erika Lust sagt über diesen Film “Als ich den Film zum ersten Mal sah, rührte er mich zu Tränen, aber er konzentriert sich nicht auf die Tragödie und Traurigkeit, die oft mit Krebs verbunden sind, sondern ist eine hoffnungsvolle Geschichte über Intimität während der Krankheit. Wash Me will zeigen, dass Frauen die Schwierigkeiten, die mit einer Krebsbehandlung einhergehen, zum Teil auch durch ihre Sexualität heilen können. ”

Wir sind beeindruckt!

Erika Lust – oder meine Freundin, die Pornoproduzentin – im Goldstück-Portrait

Im Sommer 2002 entdeckten die Hippen und Schönen der Stadt – die Rede ist von meiner damaligen Heimat Barcelona – das Industrieviertel Poble Nou für sich zum Ausgehen. Eine der tollsten Locations war die Lounge „Oven“, wo man erst wunderbar speiste und sich später im Garten und auf der Tanzfläche bei Drinks und guter Musik vergnügte. Hier lernte ich Pablo und Elli kennen, er Argentinier, sie Schwedin – beide sehr cool, sehr wortgewandt und sehr inspirierend. Ich lud sie spontan zu meiner Geburtstagsparty ein, sie bedankten sich später mit einer unglaublich schönen Bildergalerie des Festes, und in den nächsten Monaten geschah das, was man nicht so häufig erlebt: völlig ohne gemeinsamen Bekanntenkreis oder ähnliche Schnittmengen wurden wir Freunde.
Elli war 2000 aus Schweden nach Barcelona gekommen, dort ihrem Pablo begegnet und schlug sich mit Jobs so durch – es ging ihr wie so vielen Ausländern damals: die Liebe befahl ihr zu bleiben, der Arbeitsmarkt bot einer qualifizierten Absolventin der Politikwissenschaften keine echte Chance. In ihrer Freizeit belegte sie verschiedene Kurse in Regie und Schnitttechnik und polierte ihr eh schon gutes Spanisch.

Ich weiß noch genau, wie sie mir Mitte 2003 voller Stolz erzählte, dass sie nun ein Projekt bei einer der größten Erotikfilm-Produktionsfirmen der Welt begänne. Ihre Aufgabe würde es sein, einen weiblichen Blickwinkel in die Produktionen einzubringen und somit neue Zielgruppen zu erschließen. Es war für mich das erste Mal, dass ich Elli bewusst mit erotischen Filmen in Zusammenhang brachte, ich hatte nie realisiert, wie sehr sie sich über die maskuline Herangehensweise an Sexfilme aufregte und dass das Thema sie nachhaltig beschäftigte. Ich glaube, das Projekt war ein ziemlicher Reinfall, wir sprachen wenig darüber, weil sie stets abwinkte, wann immer ich danach fragte.

Es war am Ostersonntag 2004: in meiner Wohnung gab es Brunch für gut 20 Personen, wir wollten gerade mit der Ostereiersuche beginnen, da verabschiedeten sich Pablo und Elli, weil sie heute ihren ersten (und einzigen) Drehtag hätten. Sie hatten alle Mittel zusammengekratzt, um den Erotik-Film „The Good Girl“ zu drehen: nach den Kriterien, die Elli, die sich für ihren Job von nun an Erika Lust nennen sollte, für sich festgelegt hatte.
Ich war noch nie ein großer Fan von Porno-Filmen, meine Kenntnis beschränkte sich auf das, was ich in Hotel-Zimmern beim Zappen gesehen hatte, und das würde ich vor allem so beschreiben: viel pinkes Fleisch! Darum war ich wirklich extrem gespannt, als die beiden mir ein paar Monate später eine DVD mit dem Film in die Hand drückten.
Von der ersten Sekunde an war ich gut unterhalten: die beiden hatten viele ihrer Freunde dazu überredet, kleine Rollen wie die verschiedener Pizza-Boten oder der männermordenden besten Freundin zu übernehmen. So entspann sich um den eigentlichen sexuellen Akt, der genau wie im „echten“ Porno mit Nahaufnahmen der Geschlechtsteile, Cum-Shot und ordentlicher Vögelei daherkam, eine richtige Geschichte mit toller Musik, geschmackvollem Design und richtigen Dialogen, die weit entfernt von allen gängigen Klischees waren.

„The Good Girl“ schrieb erotische Filmgeschichte: im ersten Monat nutzten 2 Millionen Menschen den Free Download Link im Internet, im Herbst 2004 wurde er beim Internationalen Erotik Film Festival in Barcelona als bester Kurzfilm ausgezeichnet. Ermutigt durch diesen unglaublichen Erfolg und sicher auch mangels wirklicher Alternativen in der etablierten Porno-Industrie realisierte Erika das nächste Projekt, „Five Hot Stories for Her“ und gründete zusammen mit Pablo die Produktionsfirma Lust Films.
Mittlerweile hat das Unternehmen 15 Angestellte und ist in einem wunderschönen Büro im historischen Stadtteil El Born untergebracht. Erika Lust schreibt Bücher, vertreibt erotisches Spielzeug und Accessoires über den eigenen Webshop erikalust.com und hat das Projekt xconfessions ins Leben gerufen. Hier erzählen Menschen ihre erotischen Phantasien auf einer Website: die Produzentin wählt zwei Geschichten im Monat aus und verwandelt sie in Porno-Filme. Erika Lust ist es ohne Zweifel gelungen, eine weibliche Komponente in eine Welt zu bringen, die bis dato komplett männerdominiert war, und ihr Name ist auf der ganzen Welt bekannt. Dafür hat sie extrem hart gearbeitet und tut es nach wie vor – Stillstand gibt es bei Lust Films nicht, ständig werden neue Konzepte erarbeitet und im Markt getestet. Die Filmproduktionen sind in der Szene bekannt für außergewöhnlich gute Arbeitsbedingungen, neben Professionalität und Kreativität spielt auch Spaß bei der Arbeit eine große Rolle.

Meine Freundin Elli hat sich in den letzten 12 Jahren so viel oder so wenig verändert wie ich selbst – unsere Leben verliefen ziemlich parallel: wir leben in glücklichen Beziehungen (sie ist immer noch mit Pablo zusammen), bekamen unsere Töchter innerhalb von 3 Jahren im relativen Wechsel (erst sie, dann ich, dann wieder ich, dann sie), führen unsere eigenen Unternehmen und sind Mütter mit Prinzipien, die Wert auf gute Erziehung legen. Wir sind stolz auf die Erfolge der jeweils anderen und genießen unsere Double-Dates, wann immer wir alle in Barcelona sind.
Nach 10 Jahren, quasi zum Jubiläum des ersten Films, haben wir im April Ostern wieder zusammen gefeiert, und dieses Mal blieben die Dobner-Hallqvists auch zur Eiersuche.
Elli ist und bleibt meine Inspiration, wenn es darum geht, gesetzte Ziele zu erreichen, auch wenn es auf dem Weg ein paar Hindernisse gibt. Ein Plakat in ihrem Büro formuliert es perfekt:
Dreams don´t work unless you do!

Tak, Ellinor, I love you!